Das gekippte Rotterdam III: Kein molekularer Bürgerkrieg

24 Februar 2011 von Felix Menzel


Eine westliche Großstadt, in der mehrheitlich Ausländer leben; ein muslimischer Bürgermeister aus Marokko; die größte Moschee Westeuropas mit 50 Meter hohen Minaretten und Platz für 3000 Menschen; Stadtteile, in denen auf den Klingelschildern kein einheimischer Name mehr zu erkennen ist; islamische Schulen und Universitäten, an denen die Scharia gelehrt und Koranverse interpretiert werden – das ist Rotterdam.
Es hört sich wie ein Horrorszenario an, das aber bereits Realität ist. Unweigerlich stellt sich die Frage, warum niemand in der Stadt aufbegehrt und warum das Pulverfaß nicht hochgeht?

Stumme Kriegserklärungen, die der erfahrene Städter versteht und deshalb verschwindet

Ein beliebter intellektueller Ansatz, das Wesen der Überfremdung in europäischen Großstädten zu erfassen, ist das Konstrukt des "molekularen Bürgerkriegs". Der Publizist Hans Magnus Enzensberger lieferte hierfür 1996 mit seinem Essay Aussichten auf den Bürgerkrieg die Steilvorlage. Er skizziert darin:

"Der Anfang ist unblutig, die Indizien sind harmlos. Der molekulare Bürgerkrieg beginnt unmerklich, ohne allgemeine Mobilmachung. Allmählich mehrt sich der Müll am Straßenrand. Im Park häufen sich Spritzen und zerbrochene Bierflaschen. An den Wänden tauchen überall monotone Graffiti auf, deren einzige Botschaft der Autismus ist: sie beschwören ein Ich, das nicht mehr vorhanden ist. Im Schulzimmer werden die Möbel zertrümmert, in den Vorgärten stinkt es nach Scheiße und Urin. Es handelt sich um winzige, stumme Kriegserklärungen, die der erfahrene Städtebewohner zu deuten weiß."

Mit dieser Skizze umreißt Enzensberger Krisenzustände, die ganz unterschiedliche Ursachen haben können: ethnische Konflikte, ein Wohlstandsgefälle oder fehlende Bildung und soziale Bindung. Das Konstrukt des molekularen Bürgerkriegs bietet einen Indikator für Verfallserscheinungen, der rein auf die Wirklichkeit ausgerichtet ist und mit dem zunächst Phänomene wertfrei einzuordnen sind, ohne Gefahr zu laufen, durch eine vorschnelle Interpretation die Realität zu verschleiern.

Der Nachteil dieses Konstruktes ist allerdings, daß diese Ansammlung von Gewaltanzeichen sowohl in Chemnitz an einem verlotterten Supermarkt als auch in Rotterdam in einem Ausländerghetto festzustellen ist. Dieser äußerst weite Begriff liefert also nur eine unzureichende Begründung, warum es zu diesen Krisenzuständen gekommen ist und wie sie durch welche Kräfte im molekularen Modus gebändigt werden.

Kleinkriminalität von Ausländern jenseits der öffentlichen Wahrnehmung

Konkret für Rotterdam bedeutet dies: In der niederländischen Hafenstadt haben die millionenschweren Sicherheitsmaßnahmen der eher "rechten" Regierung ab 2002, nach dem Mord an Pim Fortuyn, zu einer Verdrängung der Gewaltanzeichen vom Zentrum zur Peripherie der öffentlichen Wahrnehmung geführt. Enzensberger führt aus, daß die zaghafte Anwendung des Gewaltmonopols des Staates zum molekularen Bürgerkrieg führt.


Er schafft es aber nicht, das ständige, amorphe Ausweichen der Kleinkriminalität in ihrer Bedeutung zu erfassen. Der Staat hat in Rotterdam nicht versagt, weil er zu wenig für die Sicherheit aufwendet. Vielmehr greifen diese Maßnahmen nur noch an der Oberfläche, weil es fest etablierte Parallelgemeinschaften der Kriminellen bzw. Ausländer gibt, die sich im Zweifelsfall von der großen Öffentlichkeit (etwa am Hauptbahnhof) entfernen.

In Rotterdam ist genau das geschehen: Überwachungskameras und Polizeipräsenz im öffentlichen Raum sorgen dafür, daß etwa der Drogenhandel an zentralen Plätzen unterbunden wird und wohl in ähnlichem Ausmaß unbemerkt von der Ordnungsmacht unterhalb der Schwelle des Wahrnehmbaren stattfindet. Enzensberger spricht davon, im molekularen Bürgerkrieg etabliere sich ein rechtfreier Raum, "in dem Zensur, Angst und Erpressung herrschten".

Das trifft so für Rotterdam nicht zu. Die Situation sieht anders aus: Der vermeintlich rechtsfreie Raum wird mit einem Parallelrecht, der islamischen Scharia, gefüllt. Die Zugewanderten streben keine Anarchie an. Sie importieren ihre Rechtsvorstellungen und setzen sie selbständig um. Das sieht man etwa daran, daß wöchentlich mehrere polygame Ehen in Rotterdam geschlossen werden. Hier wurde das Zivilrecht des Staates durch ein eigenes ersetzt.

Muslime sind in ihren Wertvorstellungen konservativer als die liberalen Einheimischen

Zu den Akteuren des molekularen Bürgerkriegs sagt Enzensberger: "Was an ihnen auffällt, ist das Fehlen aller Überzeugungen." Genau dies ist im Hinblick auf Muslime in europäischen Großstädten eben nicht der Fall. Sie fühlen sich einem strengeren Wertekanon verpflichtet als die Einheimischen. Somit sollte auch ersichtlich werden, daß die Hauptgefahr für Europa nicht von einigen jugendlichen Kleinkriminellen ausgeht, die mit Drogen handeln, in Ausnahmesituationen wie in den banlieues Bürgerkrieg spielen und in der Öffentlichkeit durch unflätiges Verhalten auffallen.

Auch die Gleichsetzung von Ausländern und Unterschicht zielt daneben, da sie das Überfremdungsproblem auf ein soziales verkürzt, das angeblich mittels Bildung beseitigt werden könnte. Gerade weil diese Gleichsetzung aber – durchaus auch von einigen Regierungen – vorgenommen wird, kommt es zu politisch völlig falschen Lösungsansätzen. Man glaubt dann, mit ein paar Integrationskursen, besseren Rahmenbedingungen für soziale Durchlässigkeit und einer Verschärfung der Sicherheitspolitik sei das Notwendige getan.

Trotz großer Bemühungen des Staates ist in Rotterdam die Integration der Muslime gescheitert. In den Begegnungsstätten der Moscheen begegnen sich nur arabische und türkische Männer und können sich dort dank staatlicher Subventionen Computerkabinette, Bibliotheken mit integrationsfeindlicher Lektüre sowie Gemeinschaftsräume für ihre religiös begrenzte Gemeinschaft einrichten. Die Gefahren der Institutionalisierung und des Aufbaus einer Gegenkultur von Muslimen mitten in europäischen Großstädten werden immer noch unterschätzt, weil die Islam-Debatte weitestgehend um das Leitthema "Terror und Gewalt" kreist.

Wie hoch sollte eine Obergrenze für Ausländer in einer Stadt wie Rotterdam sein?

Der Pop-Islam, die Etablierung von Schulen und Universitäten, die Errichtung von Moscheen sowie die schiere Masse an Fremden stellen jedoch die eigentliche und beinahe unlösbare Herausforderung dar. In Rotterdam ebenso wie in anderen europäischen Großstädten ist es nicht gelungen, rechtzeitig Obergrenzen für Einwanderer festzulegen. Die niederländische Metropole scheiterte in den 70ern vor Gericht mit einer Fünf-Prozentgrenze für Ausländer. Knapp 40 Jahre später erscheint es sogar unmöglich, eine Obergrenze von 50 Prozent einzuführen. Wenn der Damm irgendwann gebrochen ist, gibt es anscheinend kein Aufhalten mehr.

Der Dammbruch in Rotterdam und das Aufeinanderprallen von etwa gleich vielen Ausländern und Einheimischen hat nicht zu exorbitanten Gewaltausschreitungen zwischen diesen Gruppen geführt. Dieser Fakt enttäuscht die Hoffnung, irgendwann müßten sich die Einheimischen doch einmal wehren. Dies trifft nicht zu und liegt neben einer unterentwickelten Kampfeskraft in der Struktur der Großstadt begründet: Diese zwingt seit jeher zu einem ständigen Umgang mit Fremden. Damit dieser Umgang zu keinen größeren Konflikten führt, muß es ein hohes Maß an Anonymität geben.

Die Großstadt löst die Verbindung von räumlicher Nähe und gegenseitiger Abhängigkeit

Der räumliche Abstand zwischen den Fremden ist also gering, doch die Lebensweisen sind so eingerichtet, daß der Großstädter keinen ausgeprägten persönlichen Kontakt zu seinen Nachbarn pflegen muß. Jeder führt mit Tunnelblick sein beschränktes Leben, geht in der Regel pflichtbewußt seiner Arbeit nach und baut sich ein familiäres und Bekanntennetzwerk auf, wodurch er nicht auf die Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung angewiesen ist.

Nur damit läßt sich erklären, warum es Menschen im Rotterdamer Charlois aushalten, wo das städtebauliche Diversitätskonzept der Regierung zu einer weißen Enklave der Besserverdienenden in einem Ausländerghetto geführt hat. Die Stadt versucht mit der Imagekampagne "Wir sind Rotterdam" einen künstlichen Zusammenhalt zu fördern. Dabei können die Stadtoberen froh sein, daß dieser in Wirklichkeit Illusion bleibt, da nur dies den dauerhaften Frieden gewährleistet.

Der molekulare Bürgerkrieg ist eine romantische Vorstellung. Er tut niemandem entscheidend weh – am wenigsten dem Intellektuellen, der ihn entwirft. In diesem Konstrukt ist die Sehnsucht angelegt, das Pulverfaß der Überfremdung möge doch bald einmal platzen. Die Lage dagegen ist eine andere: Die Fremden richten sich in entortenden Verortungen ein, pflegen ihre Religion und ihre Überzeugungen – so gut es eben in einer für sie fremden Welt geht. Sie bauen Institutionen und eine Gegenkultur auf, die von der Dekadenz des Westens zwar beeinflußt wird, aber immer noch um ein Vielfaches vitaler ist als die gegenwärtigen Kulturleistungen der Europäer.

Quelle

27.2.11 19:22

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