Das gekippte Rotterdam I: Spurensuche in einer überfremdeten Stadt

Geschrieben von: Felix Menzel
Freitag, den 11. Februar 2011 um 14:53 Uhr


Die Hafenstadt Rotterdam erlebte in den letzten vierzig Jahren einen Bevölkerungsaustausch, der die Metropole kippen lassen hat. Die Mehrheit der Einwohner stammt nicht mehr aus Holland, sondern aus Marokko, der Türkei, Surinam und etwa 170 anderen Nationen. Zwei Blaue Narzisse-Redakteure waren vor Ort auf Spurensuche und haben das Gespräch mit muslimischen Vertretern in Moscheen und Universitäten gesucht.

Die größte Moschee Westeuropas als Eingangstor in ein Stadtviertel, in dem kaum noch ein Einheimischer wohnt

Am 17. Dezember 2010 war es soweit. Bürgermeister Ahmed Aboutaleb eröffnet in Rotterdam die größte Moschee Westeuropas. Sie bietet Platz für 3000 Menschen und durch die zwei 50 Meter hohen Minarette ist sie bereits von weitem zu sehen. Vom Stadtzentrum aus überquert man die Maas über die Erasmusbrücke, das Wahrzeichen der Hafenstadt, und landet in ihrem südlichen Teil, der in den letzten vier Jahrzehnten einen beispiellosen Bevölkerungsaustausch erlebt hat. Richtung Stadion De Kuip, der Heimstätte der weit über die Landesgrenzen bekannten Fußballmannschaft Feyernoord, geht es und da begrüßt einen auch schon dieses gewaltige Gotteshaus, das inzwischen das Stadion des über einhundertjährigen Arbeitervereins in den Schatten stellt.

Rotterdam ist gekippt und das Symbol dafür steht jetzt mit der neuen As-Salam-Moschee. In der Metropole mit etwas mehr als 600.000 Einwohnern stellen die Zuwanderer seit kurzem die Mehrheit. Hier leben Menschen aus über 170 Nationen. Berechnungen zufolge wird sich die Lage in den nächsten Jahren weiter zuspitzen. 2017 sollen 60 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund aufweisen. Die südlich der Maas liegenden Stadtviertel, z.B. Feijenoord, Afrikander- und Tarwewijk, sind besonders stark betroffen. Bei einer kurzen Stippvisite treffen wir auf kaum einen Einheimischen. Auf den ersten Blick herrscht Ordnung, aber eben in einer fremden Welt mit türkischen Einkaufsläden und zum Teil verschleierten Menschen.

Der aus Marokko stammende Bürgermeister macht am meisten Druck auf die Eingewanderten

Der muslimische Bürgermeister Ahmed Aboutaleb komplettiert dieses Bild einer Großstadt, die kein eindeutig bestimmbares Eigenes mehr hat. Der Sozialdemokrat wanderte mit 15 Jahren mit seiner Mutter und den Brüdern in die Niederlande ein. Er ist ein Beispiel für gelungene Integration, studierte, arbeitete dann erst beim Fernsehen und wechselte später auf verschiedene hohe Beamtenposten bis hin zum Staatssekretär für Arbeit und Soziales. Seit Anfang 2009 steht er an der Spitze Rotterdams und ist damit der erste Muslim in Westeuropa, der ein solch hohes Amt innehat. Seinen marokkanischen Paß hat er bis heute nicht abgegeben. Der Rechtspopulist Geert Wilders schlug deshalb zynisch vor, Rotterdam in „Rabat an der Maas“ umzubenennen. Dabei muß man Aboutaleb zugute halten, daß er Rotterdam nicht nach marokkanischem Vorbild umgestalten will, wie dies der Ausspruch von Wilders nahelegt. Vielmehr ist er ein konsequenter Verfechter einer straffen Sozialpolitik, die Ausländer zügig und bei Nichtbefolgung mit Sanktionen über den Arbeitsmarkt integrieren will.

Soweit zu den markanten Fakten. Doch was bedeutet das jetzt eigentlich – für das Stadtbild, den täglichen Umgang der Menschen miteinander und ihre Identität? Die Politik versucht, die Unterschiede wegzuwischen, und hat dazu eine sogenannte Stadtbürgerschaft mit dem Slogan „Wir sind Rotterdam“ eingeführt. „Die leitende Idee für Rotterdam ist Stolz auf die Stadt, Stolz auf die Vielfalt. Dabei sehen wir Vielfalt nicht als Problem, sondern als Kraft für die soziale, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung unserer Stadt“, begründete Aboutaleb dieses Projekt kurz nach seinem Amtsantritt gegenüber der Berliner Zeitung. Aber das ist nur Kosmetik, um die bestehenden Probleme unkenntlich zu machen. Tatsächlich hat Rotterdam zehn turbulente Jahre hinter sich. Mehrere Hundert Millionen Euro hat die Stadt in dieser Zeit für Sicherheits- und Integrationsmaßnahmen ausgegeben. Während Überwachungskameras den gewünschten Erfolg gebracht haben, ist die Wirksamkeit der Integrationsmaßnahmen zweifelhafter.

Hinterhofatmosphäre in einem Sozial- und Kulturzentrum

Die Suche nach dem Wesen der Muslime in Rotterdam beginnt mit einer falschen Fährte, aber vielleicht hilft diese ja weiter. Wir wollen die Islamitische Universiteit besuchen, landen aber zunächst ein paar Blöcke weiter bei einem dubiosen Sozial- und Kulturzentrum, das nach dem Feldherren Iskender Pa?a benannt ist. Aus einem Nebeneingang kommt gerade eine Frau in Burka heraus. Den Haupteingang, den wir nehmen, dürfen anscheinend nur Männer passieren. Im Erdgeschoß befindet sich ein Gemüseladen, ein Reisebüro und ein Waschraum. Wir ziehen die Schuhe aus, um ein Stockwerk höher zum Gebetsraum gehen zu können. Die Muslime – viele mit langen Bärten und dicken Mänteln – beäugen uns mißtrauisch. Ins Gespräch kommen wir mit niemandem. Keiner scheint hier Englisch sprechen zu können oder sich mit uns unterhalten zu wollen. Im zweiten Obergeschoß stoßen wir auf ein Internat für Schüler. Was in diesen Räumen gelehrt wird, können wir nicht in Erfahrung bringen. Weder vor Ort noch im Internet sind dazu Informationen zu finden. Die Atmosphäre dieser Einrichtung hinterläßt ein ungutes Gefühl: Wer kontrolliert eigentlich diese Parallelgesellschaft?

Wir fragen das wenig später den stellvertretenden Rektor der Islamitischen Universität, Emin Akcahuseyin. Der Professor lehrt islamische Gesundheitsfürsorge und nimmt sich viel Zeit für uns. Es gibt Kaffee und einige türkische Süßspeisen. Akcahuseyin zuckt mit den Schultern. Er wisse nicht, ob ein paar Blöcke weiter ein Terrorist einen Anschlag vorbereitet. Ausschließen könne man das nie. „Aber man darf uns Muslime doch deshalb nicht unter Generalverdacht stellen.“ An seiner Universität gebe es größte Anstrengungen, über Terrorismus aufzuklären. Feindschaft verspüre er gegenüber anderen Religionsangehörigen keineswegs.

Ein natürlicher Islam in einer säkularisierten Welt

Sprechen wir hier also mit einem aufgeklärten Muslim, der sich genauso wie viele europäische Intellektuelle Integration und einen „Euro-Islam“ wünscht? „Nein!“ Können Sie sich einen säkularisierten Islam vorstellen? „Nein, ich wünsche mir einen natürlichen Islam in einer säkularisierten Lebenswelt“, betont Emin Akcahuseyin. Muslime sollten ihre Kinder am Schwimmunterricht der Schule teilnehmen lassen. Das ja. Aber Integration in das westliche System? Warum denn? Der seit einigen Jahrzehnten in den Niederlanden wohnhafte Wissenschaftler stellt selbstbewußt das Wesen seiner Religion heraus. In der Bibliothek zeigt er uns stolz die Neuerscheinungen der Universität. Alles durch die Bank weg auf Türkisch und Arabisch. Wir verstehen kein Wort in diesen Büchern, aber man publiziere auch in holländischer, englischer und französischer Sprache, versichert Akcahuseyin.

An der staatlich anerkannten Universität sind derzeit ca. 300 Studenten eingeschrieben. Sie erfahren, wie „Islamic Banking“ funktioniert und welche Vorschriften das islamische Recht (Scharia) macht. Studienreisen führten die angehenden Akademiker in den letzten Jahren in die Vereinigten Arabischen Emirate und nach Syrien. Bis auf eine junge Frau tragen alle, die uns hier begegnen, Kopftuch.

Ein Dialog, der nur als Vorwand an „Tagen der offenen Tür“ stattfindet

Akcahuseyin betont zugleich, wie wichtig ihm der Dialog zwischen den Religionen sei. An seiner Universität würden sich die verschiedenen Gruppen Möglichkeiten des Austauschs aufzeigen, der auch an anderen Orten stattfinde. Der Professor empfiehlt dahingehend die Begegnungsstätte der Mevlana-Moschee. Zur Förderung der Integration haben Stadt und Staat dort eine ganze Etage mit Billard-Raum, Bibliothek (wiederum fast ausschließlich mit Werken auf Türkisch und Arabisch), Computer-Kabinett mit Spielekonsolen und Gemeinschaftsküche subventioniert, auf der sich die verschiedenen Kulturen und Religionen näher kommen sollen. Vor Ort ist davon wenig zu spüren. Wir treffen ausschließlich muslimische Männer an. Der Vorsitzende des Moschee-Vereins führt uns durch die Räume und versucht, mit frauenfeindlichen Sprüchen zu punkten.

In Rotterdam gibt es Dutzende Moscheen. Was darin gepredigt wird, dringt nur zu Bruchteilen an die Öffentlichkeit. Sicher scheint aber, daß die erhoffte Integration durch die Einrichtung von Begegnungsstätten fehlgeschlagen ist, da sich die Einheimischen von den islamischen Gotteshäusern fernhalten. Sie würden dort auch auf nicht viel Gegenliebe stoßen. Bezeichnend ist dafür ein Vorfall aus dem Jahr 2001, als der Imam der Rotterdamer An-Nasr-Moschee, Khalil el Moumni, Homosexuelle beschimpfte. Während der Kontroverse über ihn kam heraus, daß er schon 1998 gegen den Westen predigte: „Die westliche Zivilisation hat keine Moral. In den Niederlanden ist es Homosexuellen erlaubt zu heiraten. Weil sie das zulassen, stehen die Europäer tiefer als Hunde und Schweine.“ Die Anklage gegen el Moumni wegen solcherlei Aussagen blieb indes erfolglos. Er wurde vor Gericht freigesprochen und durfte weiter predigen.


Quelle - Blaue Narzisse

27.2.11 19:32

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