Das gekippte Rotterdam II: Die gescheiterte Integration und die Anonymität der Großstadt

17 Februar 2011 von Felix Menzel

In den Niederlanden vertraute die Politik lange auf das Konzept der Versäulung, wonach jede Religion bzw. ideologische Gruppierung das Recht hat, eigene Institutionen, z.B. Moscheen und Universitäten, zu errichten.

Doch das Konzept geht im Umgang mit dem Islam nicht auf. Der Amsterdamer Soziologe und Journalist Paul Scheffer hat in seinem Essay Das multikulturelle Drama (2000) und mit dem Buch Die Eingewanderten. Toleranz in einer grenzenlosen Welt (2008) die Gründe dafür aufgezeigt. In letzterem schreibt er: Für eine Religion, die immer eine Mehrheitsposition oder ein Monopol in den Herkunftsländern hatte, bedeutet die Tatsache, eine religiöse Minderheit zu sein, dass die Glaubenspraxis unter völlig neuen Bedingungen eine neue Form bekommen muss.

Ob der Islam in Europa diese neue Form tatsächlich findet, bezweifelt Scheffer: "Dies macht die Migration von Muslimen zu einem beispiellosen Ereignis, und es gibt keine Garantie dafür, dass der Islam einen selbstverständlichen Platz in der westlichen Welt finden wird."

Nun verschärft sich diese Konstellation dadurch, daß erstens die Muslime in Rotterdam auf dem Weg zu einer deutlichen zahlenmäßigen Überlegenheit sind und zweitens die Mehrheit von ihnen der Unterschicht angehört und durch überproportionale Abhängigkeit von Sozialleistungen und Kriminalität auffällt.


De-Assimilierung der schon länger ansässigen Fremden

Hier kommt eine Erscheinung zum Tragen, die Hannah Arendt in ihren Elementen und Ursprüngen totaler Herrschaft in Bezug auf die Staatenlosen der Zwischenkriegsjahre messerscharf analysierte. Sie stellte fest, daß eine "De-Assimilierung der schon längst ansässigen Fremden" Pim Fortuyneinsetzt, sobald eine neue Welle von Menschen ihres ursprünglichen Kulturkreises ins Land kommt. In Rotterdam ist dies zu beobachten, da junge Antillaner und Surinamer, deren Eltern längst als bestens integriert galten, in diesen Sog der De-Assimilierung gezogen wurden.

Wer glaubt, die Probleme Rotterdams seien mit dem Hinweis auf die Migranten-Unterschicht und jene selbstbewußten, intelligenten Muslime, die ihre eigenen Institutionen und ihre eigene Kultur etablieren, ausreichend erfaßt, der irrt.

Paul Scheffer betont, jede Stadt zwinge "zu einem ständigen Umgang mit Fremden". Gemeint sind damit nicht nur Migranten. "In einer Umgebung voll mit Fremden herrscht Anonymität, und Menschen suchen nach Wegen, die Unsicherheit zu verringern."

Rotterdam ist ein Paradebeispiel für eine anonyme Großstadt. Im Zentrum bekommt man von der Skyline eine Nackenstarre. Historische Bauten muß man mit Mühe suchen. Seitdem 1940 der Kern der Innenstadt durch deutsche Bombardements zerstört wurde, entstand über die Jahrzehnte hinweg ein "Manhattan an der Maas" mit den höchsten Bürogebäuden in den Niederlanden. Neben diesen prägen die Konsumtempel der großen globalen Marken die Fußgängerzone.

Doch diese, ein World Trade Center sowie Glasfassaden, die Transparenz darstellen sollen, stiften keine Identität. Die Stadt mit ihren gläsernen Geschäftsleuten hat ihr Gesicht verloren, weil die Einheimischen im Stadtinneren Robotern ähnlich auftreten und nach getaner Arbeit ins Umland in ihre Puppenstuben verschwinden, damit sie von der Realität in den von Einwanderern dominierten Wohnvierteln nichts mitbekommen. Selbst die aufstrebende Mittelschicht der Migranten zieht mittlerweile um und meidet bestimmte Bezirke.


Verfehlte Stadtplanung: Weiße Enklaven im Ausländerghetto

Anfang des neuen Jahrtausends erkannte die Stadtverwaltung die schwierige Lage: "Das Absorptionsvermögen bestimmter Stadtteile wird durch den nicht nachlassenden Zustrom sozial schwacher Gruppen und den Wegzug der Besserverdienenden, die es sich leisten können, woanders zu wohnen, überschritten.

Das ist zusammen mit den Belästigungen, der Illegalität und der Kriminalität der Kern unseres Problems." Bereits in den 1970er-Jahren versuchte Rotterdam eine Obergrenze von fünf Prozent für Migranten durchzusetzen. Doch die Niederlande mit ihrem ausgeprägten Toleranzbewußtsein verboten diese Regelung – bemerkenswerterweise, nachdem es zu Ausschreitungen gegenüber türkischen Gastarbeitern im Rotterdamer Stadtteil Afrikaanderwijk kam.

In den letzten Jahren hat sich dann bei Stadtplanern aufgrund der unübersehbaren Probleme in den Migrantenbezirken das Konzept der "Diversität" durchgesetzt. In konfliktreichen Vierteln sollte durch Sanierung sowie Abriß billiger Mietwohnungen und Neubau teurer RotterdamEigentumswohnungen eine Vielfalt an sozialen und ethnischen Gruppen zusammengestellt werden.

In Charlois, wo dieses Konzept umgesetzt werden sollte, schlug es fehl. Einwohner berichten, es habe sich eine "Enklave gut verdienender Weißer, die faktisch in einem Ausländerghetto leben", herausgebildet. (...)

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27.2.11 19:29

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